75 Jahre NRZ

NBX__NRWTZ_39_1652 | Samstag, 03. Juli 2021 Anzeige Übersetzen als Politikum? Nicht mit Barbara Hendricks! Die SPD-Bundestagsabgeordnete aus Kleve über ihre Lieblingsbücher – und über ihre Aufgabe als neue Präsidentin des Übersetzerkollegs in Straelen Straelen. Nach mehr als 30 Jahren hat das Europäische Übersetzerkol- leg in Straelen eine neue Präsiden- tin. Die Kreis Klever SPD-Bundes- tagsabgeordnete Barbara Hen- dricks folgt auf Claus Sprick. Hen- dricks übernimmt das Kolleg in einer kniffligen Phase: Die Corona- Pandemie hat das Miteinander von Übersetzerinnen und Übersetzern aus aller Damen und Herren Län- der zunächst einmal weitgehend unmöglich gemacht. Zeit für ein Gespräch über das Kolleg, die Lite- ratur und das Übersetzen in deut- lich politischeren Zeiten. Stephan Hermsen traf sie in ihremWahlkreis- büro in Kleve. Frau Dr. Hendricks, wie sind Sie und das Übersetzerkolleg zusam- mengekommen? Barbara Hendricks: Ich bin schon seit vielen Jahren Vereinsmitglied des Europäischen Übersetzerkol- legs. Die Initiative für das Überset- zerkolleg stammt von Elmar Topho- ven. Der kam aus Straelen, lehrte Deutsch an der Sorbonne in Paris und war Übersetzer unter anderem von Samuel Beckett und vielen französischen Autoren. Wegen der Finanzierung nahm er Anfang der 80er-Jahre Kontakt zum Land auf – er und der damalige NRW-Finanz- minister kannten sich schon lange. Ich war seinerzeit als Referatsleite- rin für Presse- und Öffentlichkeits- arbeit im NRW-Finanzministerium unter SPD-Minister Diether Posser. Seitdem habe ich die Entwicklung verfolgt und war bei verschiedenen Gelegenheiten dort. Was waren für Sie besondere Er- eignisse? Unter anderem konnte ich 2018 Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier für einen Besuch in Straelen gewinnen. Er war ganz begeistert, nicht nur von der Arbeit des Kollegs, sondern auch von der beson- deren Atmosphäre des Or- tes. Das Besondere ist ja, dassmandortMenschen aus aller Welt trifft – und alle sprechen deutsch miteinan- der. Legendär sind natürlich auch die Abendveranstaltungen, wenn Schriftsteller mit ihren Übersetzern ihre Werke diskutieren. Neben Ihrer politischen Erfahrung, die für das Kolleg sicherlich von Vorteil ist, geht es im Haus ja auch um Literatur. Wie ist da Ihre Ver- bindung? Wenn die Corona-Pandemie einen Vorteil hatte, dann den, dass ich ein wenig mehr Zeit zum Lesen hatte. ImWahlkreis sind ja vieleVeranstal- tungen wie Sommerfeste, Karneval, Vernissagen ausgefallen. Sonst, das muss ich ehrlicherweise zugeben, gibt es imPolitikbetriebdazu eigent- lich nur im Urlaub genügend Zeit. Sollte Literatur Politik aufgreifen und verarbeiten? Dass Literatur politisch wirksam sein kann – ist das etwas, das Sie in Ihre Arbeit mitnehmen werden? Es gab Zeiten, da wurde gefordert, jede Literatur muss auch politisch sein. Das finde ich nicht. Aber häu- fig ist es so – und sollte meines Er- achtens auch so sein. Doch sogar das Übersetzen ist politisch geworden, wie man bei der Diskussion um das Gedicht vom Amanda Gorman bei der Amtseinführung von Präsident Bi- den beobachten konnte. Das Straelener Kolleg ist das erste, das weltweit neu gegründet wurde seit dem Niedergang der Überset- zerschulen imMittelalter. In diesen Übersetzerschulen, wie beispiels- weise in Toledo, haben katholische Mönche griechische Philo- sophen übersetzt, obwohl sie mit dem Geist der Philo- sophie nichts imSinnhatten und fern vomLeben imklas- sischen Hellas waren. Trotz- dem – und Gott sei Dank – haben sie diese Werke über- setzt. Denn sonst wäre uns der Geist von Aristoteles heute nicht mehr zugänglich. Was heißt das heute? Man muss von Übersetzern nicht erwarten, dass sie so sind wie der Autor. Sie sollen aber in der Lage sein, sich in die Gedankenwelt der Autorinnen und Autoren hineinzu- versetzen. Gute Übersetzerinnen sind entsprechend kongenial. Aber sie brauchen die Freiheit, in ihrer Muttersprache literarisch zu über- setzen und passende sprachliche Bilder zu finden. Man tut weder dem Autor noch der Literatur einen Gefallen, wenn man sagt: Das kann man nur emp- finden, wenn man genauso gelebt hat. Philip Roth beispielsweise be- schreibt das Leben in amerikani- schen Vorstädten. Würde jemand fordern, dass jemand erst fünf Jahre in einer US-Vorstadt lebenmuss, um ihn übersetzen zu dürfen? Das kann man doch nicht erwarten. Davon lebt ja das Kolleg in Strae- len: Übersetzern aus anderen Län- dern zu ermöglichen, sich in die Denk- und Sprachwelt von Auto- ren aus anderen Zeiten und Orten zu versetzen. Mein Vorgänger im Amt, Claus Sprick, hat mir dazu eine schöne Episode erzählt, als er mit mir durchs Haus ging. In diesem Zim- mer, sagte er, hat ein bulgarischer Übersetzer Goethes Faust in seine Muttersprache übertragen. ImZim- mer unter ihm arbeitete ein Vietna- mese daran, Faust in seine Sprache zu übertragen. Der sagte: Er könne an den Schritten des Bulgaren in dessen Zimmer hören, an welcher Stelle von Faust er gerade arbeite. Die Epi- sode zeigt etwas vondemRhythmus und dem Klang von Literatur. Aber sie zeigt auch, dass es heute noch in anderen Kulturen Interesse anWer- ken einesMinisters eines deutschen Kleinstaates im 18. Jahrhundert gibt. Sogar, wenn die Lebenswelt dort völlig anders ist. Und das Ver- bindende zwischen dem Vietname- sen und dem Bulgaren – das ist die deutsche Sprache und die Literatur. Ihr Vorgänger Claus Sprick ist hochrangiger Richter und Überset- zer, Sie sind Politikerin, Historike- rin, Sozialwissenschaftlerin – wer- den Sie andere Akzente setzen? Ich bin keine Übersetzerin, ich lese fast immer deutschsprachige oder ins Deutsche übersetzte Literatur. Also kann ich inhaltlich da nicht so viel beitragen. Aber was ebenso wichtig ist: Dass das Haus öffent- lich sichtbar ist und bleibt – wie es durch den renommierten Straele- ner Übersetzerpreis zumindest im deutschsprachigen Europa ge- schieht. Dazu kommt: Es muss fi- nanziell gut abgesichert sein. Es wird durch die Stadt Straelen, den Kreis und die Kulturstiftung des Landes gefördert. Mir ist es gelungen, aus dem Etat für ausländische Kulturförderung des Bundes Mittel für weitere Sti- pendien zu bekommen. Damit las- sen sich die Aufenthalte von Über- setzerinnen und Übersetzern dort finanzieren. Es geht darum, dass dasKollegweiterhin auf stabilenFü- ßen steht und dass die Geschäfts- führung dort auch ideell unterstützt wird. Das ist vermutlich gerade jetzt in der Corona-Zeit der Fall, wo die Arbeit stark eingeschränkt ist. Richtig. Im Moment hat das Kolleg leider keine Gäste. Es wurden ver- schiedene digitale Angebote entwi- ckelt, aber das ist natürlich nicht dasselbe. Das Kolleg hofft, imSommer allmählich auch wieder den Präsenzbetrieb zu ermöglichen. Ab 2022 kommt aller- dings eine Brandschutzsanierung auf das Haus zu, deswegen wird auch da kein Vollbetrieb möglich sein. Wichtig sind ja auch die vielen Veranstaltungen dort, nicht nur die Übersetzerinnen und Übersetzer, die abends miteinander ins Ge- spräch kommen. Besonders span- nend ist für viele deutsche Schrift- stellerinnen und Schriftsteller, ihr Werk in Straelen mit ihren Überset- zern zu diskutieren und es so noch einmal aus einem neuen Blickwin- kel zu betrachten. Wird Übersetzungsarbeit weiter- hin gefragt und gewürdigt sein – trotz immer ausgefeilterer Über- setzungssoftware? Wenn Sie sich über automatisch übersetzte Gebrauchsanweisungen amüsieren, sehen Sie schnell, wie begrenzt da die Fähigkeiten sind. So etwas wird es für literarische Werke auf sehr lange Sicht, vermutlich für immer, nicht geben. Die Auseinan- dersetzungen der Übersetzer mit den Schriftstellern zeigt, dass Über- setzen immer auch die Kunst ist, sich in die Lebenssicht und die Denkweise anderer einzufühlen. Wie sollen Computerprogramme das leisten? Günter Grass war mehrfach zu Gast in Straelen. FOTO: MATTHIAS GRABEN Der Ort, der Bücher zur Weltliteratur macht n Man mag es kaum glauben, aber nach den historischen Übersetzerkollegs im 12. und 13. Jahrhunderts in Spanien gab es in Europa kein Haus mehr wie dieses in Straelen, wo sich Übersetzer aus vielen Län- dern die Klinke in die Hand ge- ben und dank einer Bibliothek mit mehr als 135.000 Bänden eintauchen können in die Sprach- und Lebenswelt Deutschlands und anderer Län- der – vom klassischen Wörter- buch über Handbücher zur Ge- fängnissprache oder zum See- mannsgarn bis zu Katalogen von Ikea und Beate Uhse. n Gegründet wurde es 1977 durch den aus Straelen stam- menden Beckett-Übersetzer El- mar Tophoven . Der kannte den damaligen NRW-Finanzminister Dieter Posser aus Jugendzeiten – keine schlechte Sache, wenn man ein Projekt dieser Größe anstoßen will. Seine Referentin für Öffentlichkeitsarbeit damals war eine gewisse Barbara Hen- dricks . n Heute, ohne Corona, kommen jährlich bis zu 500 Gäste zum Übersetzen in die 30 Apart- ments des Komplexes aus fünf Häusern in der Straelener In- nenstadt. Seite 38 und 39 Barbara Hendricks Für Schriftsteller ein Ort des Austauschs: Das Europäische Übersetzerkolleg in Straelen. Hier spricht Timur Vermes (links), Autor des Hitler- Romans „Er ist wieder da", mit Übersetzern und Übersetzerinnen. FOTO: JAKOB STUDNAR „Ich lese gern“ Buchgeschichten aus der Redaktion 75 JAHRE Mit Hemingway nach Pamplona Timo Kiwitz (44), stellv. Leiter Lo- kalsportdesk mit Sitz in Dinslaken: „Es ist der 7. Juli 1998. Mit einem guten Freund aus Dinslaken sitze ich vormittags vor dem Café Iruña auf der Plaza del Castillo in Pamplona. Wir sind beide schon nicht mehr ganz nüchtern, aber das ist kaum jemand auf dem Platz und in den umliegenden Gassen. Es ist Fies- ta, die berühmten „Sanfermi- nes“, und das Spektakel über- wältigt uns. Hierher geführt ha- ben uns ein Interrail-Ticket und Ernest Hemingway, dessen gro- ßer Roman Fiesta („The sun also rises“) den Ich-Erzähler Jake Bar- nes nach Pamplona in den Tru- bel des jahrhundertealten Festes zu Ehren des Heiligen Firmin ent- sendet. Der spätere Nobelpreis- träger Hemingway war selbst erstmals 1923 – und dann im- mer wieder – Gast des 204 Stun- den andauernden Taumels. Drei Jahre später veröffentlichte der langjährige Reporter und Kriegs- berichterstatter Fiesta und setzte den „Sanfermines“ damit ein li- terarisches Denkmal. Für mich bedeutete die durch den Roman inspirierte Reise den ersten intensiveren Kontakt mit Spanien. Dieser Urlaub hat eine Begeisterung für Land und Leute entfacht, die bis heute anhält. Wenige Monate nach dem Trip habe ich mich für ein Hispanis- tik-Studium eingeschrieben, zwei Auslandssemester in Anda- lusien erlebt und ganz viele wei- tere Reisen auf die iberische Halbinsel unternommen. Auch in Pamplona war ich noch häufiger. Allerdings nicht mehr zur Fiesta. Man wird älter.“ „Über jedem guten Buch muss das Gesicht des Lesers von Zeit zu Zeit hell werden.“ Christian Morgenstern, deutscher Dichter, Schriftsteller und Übersetzer (1871 - 1914) ... einfach leichter leben! WWW.ENNI.DE 75 Jahre NRZ – wir gratulieren! Seit 75 Jahren versorgt die NRZ den Niederrhein mit den neuesten Nachrichten – eine reife Leistung. Herzlichen Glückwunsch!

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