WP I Mein Leben

MEIN LEBEN ICH BIN EIN TEIL VON EUCH 15 Da redete man über Radioaktivität, Umweltverschmutzung, Ozonloch, heu- te auch über Klimawandel, schmelzen- de Gletscher und Mikroplastik. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Die Kinder, die miterleben müssen, wie die Schäden immer folgenreicher werden, tun mir leid. Mit Anfang 20 dachte ich noch, dass ich wohl mal Kinder haben werde. War ja auch irgendwie ganz selbstverständ- lich. Mit 21 lernte ich meinen heutigen Mann kennen. Er sagte mir gleich, dass er keine Kinder will und auch aus welchen Gründen. Ich habe mir meine eigenen Gedanken dazu gemacht und konnte seine Argumente gut verstehen. Im Laufe der Jahre bin ich selbst zum gleichen Entschluss gekommen. Der Gedanke, Kinder in diese Welt zu set- zen, wurde auch für mich immer un- vorstellbarer. Der Blick auf unsere Welt ist beängstigend. Ob wir negative Menschen sind? Pes- simisten und Schwarzmaler gar? Nein, wir leben gern, wir genießen unsere Freiheit, wir reisen gern und viel, wenn nicht gerade Pandemie herrscht. Wir haben zwei Auszeiten gemacht, jeweils ein Jahr lang. Wir kündigten unsere Jobs, reisten durch Thailand und nach Laos, arbeiteten als Tauchguides auf einem Schiff. Wir wussten nicht, was danach kommen würde, wir wussten nur, dass wir raus mussten aus unse- ren Hamsterrädern. Wenn wir Kinder hätten, wäre all das nicht passiert. Viel- leicht hätten wir einander im Stress verloren, wären längst geschieden. Wer weiß das schon? „Oh, Gott, deine armen Eltern werden nie Oma und Opa sein“ Wenn ich anderen Menschen erzähle, dass ich keine Kinder wollte, dann sind manche überrascht: Sie sagen Sachen wie: „Oh, Gott, deine armen Eltern werden nie Oma und Opa sein.“ Oder: „Im Alter wirst du das aber bereuen, wenn du einsam bist.“ Oder die besorg- te Frage: „Fehlt dir denn gar nichts?“ Als könnte nur glücklich sein, wer ein Kind hat. Viele vermuten auch, meine Hündin Carlotta sei eine Art Kind-Er- satz. Das ist aber definitiv nicht so. Die habe ich erst seit Januar. Womöglich blickt man noch mal an- ders auf sein Leben, wenn man alt ist. Vielleicht gibt es auch Eltern, die zwar ihre Kinder lieben, aber später das Gefühl haben, ihr Leben nicht ausreichend gut gelebt zu haben – auch wegen der Kinder. Jeder muss seinen Weg finden. Nur eines finde ich nicht gut: Kinder zu bekommen, die sozusagen gar nicht bei ihren Eltern groß werden, weil sie schon mit ein paar Monaten in die Kita gesteckt werden, damit Mama und Papa weiter arbeiten gehen kön- nen. Wenn man sich für ein Kind ent- scheidet, sollte man auch Zeit mit ihm verbringen. „Und die Rente willst du natürlich trotzdem haben“ Oft habe ich das Gefühl, dass ich nicht verstanden werde, wenn ich meine Argumente für meine Kinder- losigkeit vortrage. Vielleicht liegt es daran, dass es unangenehm ist, dar- über nachzudenken, dass das Leben auf diesem Planeten in nicht allzu ferner Zukunft schon nicht mehr so lebenswert ist wie man es sich wün- schen würde. Klar, wenn alle so dächten wie ich und zwar schon länger, dann gäbe es die junge Ärztin nicht, die mich im Krankenhaus behandelt, oder den Pfleger, der sich um mich kümmert, das weiß ich. „Und die Rente willst du natürlich trotzdem haben“ – auch den Satz habe ich schon gehört. Eher im erweiterten Umfeld. Im Bekann- ten- und Freundeskreis verstehen mich alle. Viele haben ebenfalls kei- ne Kinder. Dem Gefühl, ein Kind haben zu wol- len, war ich selten nah. Ich erinnere mich an ein eindrückliches Bild: Mein Mann und ich sahen im Urlaub einen Vater, der mit seinem kleinen Sohn an einem Fluss saß und ihm das Angeln beibrachte. Das war ein schöner Mo- ment, den wir so nie erleben werden. Das haben wir beide so empfunden. Sehr berührend. Aber bereut? Nein, bereut haben wir die Entscheidung bis heute kein einziges Mal.“ (aufgezeichnet von Daniel Berg) „OFT HABE ICH DAS GEFÜHL, DASS ICH NICHT VERSTANDEN WERDE, WENN ICH MEINE ARGUMENTE FÜR MEINE KINDERLOSIGKEIT VORTRAGE.“

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