NRZ I Erstausgabe Essen 13.07.1946

Kulturnachrich ten Ein neues Werk Ricarda Huchs wird die Schicksale der fm KZ. umge- kommenen Kämpfer gegen den National- sozialismus behandeln. 80 000 Reichsmark stehen an- der Uni- versität Berlin in diesem Semester an Stipendien für etwa 180 „Altstudenten" und 500 Volksstudenten zur Verfügung. Professor Josef Kroll, der Ordina- rius für klassische Philologie an der Uni- versität Köln, wurde für das Studienjahr 1946/47 erneüt zum Rektor der Univer- sität gewählt. In den ersten Kamroermusikabenden der „Zeitgenössischen Musikwoche 1946" in Bad Nauheim kamen mehrere Werke jüngsten deutschen Musikschaffens zur Uraufführung, eine Violln-Sonat« von Oskar Hagen aus dem Jahre 1945, vier Gesänge für Altstimme und Streiciiguar- tett nach Dichtungen von Rabindrenet Tagore von Johann Friedrich Hoff und efne Flöten-Sonate von Hermann heiß «ui d«a J«hr« 1945. Fragmente Von Novalft Um eine Wahrheit recht lernen, muß man sie auch haben. kennen zu polemisiert Derjenige wird nie als Darsteller etwas Vorzügliches leisten, der nichts weiter darstellen mag als seine Erfah- rungen, seine Lieblingsgegenstünd«, der es nicht Uber »ich gewinnen kann, auf einen ganz fremden, ihm ganz uninter- essanten Gegenstand mit Fleiß zu stu- dieren und mit Muße darzustellen. Der Darsteller muß alles darstellen können und wollen. Dadurch entsteht der große Stil der Darstellung, den man mft Recht an Goethe so sehr bewundert. Die Ehe Ist das höchste Geheimnis. Die Ehe ist bei uns ein popularisiertet Geheimnis. Schlimm, daß bei uns bloß die Wahl zwischen Ehe und Einsamkeit Ist Die Extreme sind es — aber wie wenig Menschen sind einer eigentlichen Eh* fähig — wie wenig können auch Ein- samkei ertragen. — Es gibt Verbindun- gen aller Art. Eine unendliche V«rbin- düng., ist die Ehe. — Ist di« Frau der Zweck des Mannes oder Ist die Frau ohne Zweckt Passivität ist nicht.so verächtlich, als man glaubt. Nichts schwächt ein« fremd* Gewalt mehr als absolute Passivität Un- vollkommene Leiter verstärken den an- greifenden Teil, vollkommene Nichtleiter schwächen auf die entgegengesetzt« Weise absolut. Es gibt gar kein eigentliches Unglück in der tyelt. Glück und Unglück stehn in beständiger Waage. Jedes Unglück ist gleichsam das Hindernis eines Strome«, der nach überwundenem Hindernis nur desto mächtig«? durchbricht Man kann durch das künftige Lebe« dss vergangen« rttten und v«r«d«lm Beim dritten Mal I Von Michael Joyce Die Gäßchen von Kent schimmerten in Sonnenglast. Voll reicher Blüten wanden Geißblattranken sich um Gartenzätine. Schlaftrunkene sommerliche Stille lastete schwer auf der Landschaft. Kuckucksruf allein- unterbrach die goldene Ruhe des Nachmittags; und des Burschen genagelte Schuhe hoben eine Staubwolke aus dem Grund, die einen Augenblick lang Ihm nachzog und dann langsam in der unbe- wegten Luft hängen blieb. Er kam in ein Dorf nächst Gravesend. Eine einzige Straße führte hindurch, und die wsr ausgestorben. Ein zartes Kätz- chen nur schlief leise atmend im Sonnen- schein. Dann sah er einen Konditorladen. Gedanken an Ingwerbier zwangen ihn, die Klinke niederzudrücken. Die Tür aber war verschlossen. Ein Kind wackelte zu einer nahen Torschwelle und sah aus großen, verstörten Augen nach dem Burschen. „Guh,'guh,“ sagte das Kind und sog an seinem Daumen. „Gleichfalls, gleichfalls,“ entgegnete grinsend der Bursch. Das Kind stutzte ein wenig, steckte dann die winzige Zunge hervor. Der Bursch ging vorüber Als er das Dorf verließ, wandte er sich nochmals. Vom Torweg des letzten Ge- höftes umrahmt, stand ein Mädchen in bedrucktem Wollkleid, und sein gelbes Haar leuchtete in der Sonne. Als es winkte, winkte der Bursch zurück und stand noch ein wenig, bis das Bild für immer in seiner Seele war. Wandte dann den Rücken und trollte sich entschlossen gen Gravesend. Er ging zur See. Zehn Jahre der Plagen und der Freu- den, die ein Martrosenlehen füllen, hatten aus dem Burschen einen stämmigen Mann gemacht, mit rotem Gesicht und hellen Augen. Fünf jener Jahre waren ihm an Australiens Küste vergangen, wo Lohn und Bedingungen für ihn weit besser waren als in irgendeinet eng- lischen Verwendung. Und dort wäre er geblieben, hätte nicht ein seltener Zu- fall mitgespielt. Als er einst auf einer der Inseln landete, die nah von Queens- land« Külte liegen, wandert« er dureh Gebüsch, bis er an eine kleine Lichtung kam, die wohl ein längst verstorbener, längst vergessener Ansiedler hier mit den Händen ausgerodet hatte. Ueber einem brüchigen Baumstrunk wucherte in schweren Blüten eine große schwere Geiflblattranke. Der süß betäubende Duft versetzte ihn zurück nach jenem Dorf in Kent, und der sah die, Gestalt im oe- druckten Kleid, vom Torweg umrahmt, als das Herrlichste auf der Welt. Nun wußte er warum, trotz guten Essens und reichliclem Sold, er immer noch unzu- frieden war. Mit dem nächsten Schiff fuhr er nach England heim. Etwa eine Meile war es noch bis zum Dorf, der Nachmittag streckte sich schon ln den Abend, als er innehielt, um in einem Wirtshaus am Wege einen Trunk zu tun. Als seine Augen sich an das Dunkel im Raum gewöhnten, erkannte er die Frau, die ihn bedient hatte. Sie war es. Zehn Jahre Landleben batten ihre Formen verbreitert, ihre Gestalt vergrö- bert. Daß sie es aber war, stand jenseits* aller Zweifel. „Denkst du " sprach der Matrose, „<in einen Nachmittag vor zehn Jahren, als du mit der Hand einem Burschen wink- test, aer drüben durch das Dorf zog?“ „Kann nicht behaupten, daß ich davon weiß“, antwortete sie. „Doch, du tatest es,** sprach der Ma- trose, „und ich war es, und nun kam ich aus Australien heim, dich zu heiraten ... Ja?“ Mit schmutzigem Tuch strich die Frau nachdenklich über den Schenktisch. „Du kommst zu spät, Metrose ... da bist doch Matrose?*' Er nickte. „Du kommst zu spät, fünf Jahre zu spät. Jimmy, wo bist du . . .** Als sie die Stimme erhob, kam aus dem Nebenraum ein kleines Kind getrippelt. „Meines.“ sagte die Frau kurz. „Gutes Bier ist das,“ sprach der Ma- trose „solches Bier gibt es in Australien nicht Das ist schade, denn Ich glaube, ich gehe wieder dahin zurück. Auf Wledersehenl" „Auf Wiedersehen, Matrose, Jimmy gib dem Mßtrosen die Hand." Das Kind neckte den winzigen Pinger in den Mund und sagte: „Guh, guhl" — ,jGüh, guh," entgegnete höflich der Ma- trose, der aus der Schenke schritt. Als er etwa hundert Ellen weit gegangen war, hielt er inne, wandte sich. Vom Tor- weg umrahmt, stand die Frau mit dem Kind an der Schulter. Mit der freien Hand winkte sie dem Matrosep und er winkte zurück. Dann wandte er sich wieder und schritt nach Gravesend. Hübsche Frau, grübelte er. Nicht aber das Mädchen, an das er gedacht hatte. Solche Mädchen gab es nicht wieder, sagte er sich. Nicht in Kent, noch we- niger in Australien! Fünfzehn und zehn sind fünfundzwan- zig, und abermals fünfzehn sind vierzig, und ein Mann von vierzig Ist klug. Er ist zu alt und doch noch nicht alt genug, um romantisch zu sek». An der Küste von Queensland hatte der Matrose genug erworben, um ein Wirtshaus tn England kaufen zu können. Alle seine Freunde daheim waren tot. Er gedachte der Frau, die - er vor fünfzehn Jahren gesehen hatte, und da sie das einzige.Wesen <n Kent war, das er kannte, darum mußte sein Wirtshaus irr Kent stehen. Und so kam er an einem kalten Winterabend den gleichen Weg von Gravesend hbr. Vor ihm grüßten freundlich die Lichter der Wirtschaft Er beschleunigte den Schritt, kam an das Tor, stieß es auf Es gab Lärm in der Schenke. Vier voll- trunkene Männer stritten untereinander, und als, da der Matrose eintrat, das Weib hinter dem Recbentisch sie gehen hieß, antworteten sie mit lauten Zwei- deutigkeiten. Eine halbe Minute später hatte der Matrose sie in die kalte Nacht hinausbefördert, ohne daß sie. vom Rausch befangen, eigentlich Widerstand geleistet hätten. Er schloß hinter Urnen die Tür und trat an den Rechentisch. „Ol Blsti du es?" fragte die Frau. „Ich bin es,“ sprach der Matrose. „Ich will eine Schenke kaufen. Weißt du von einer?“ „Nun . . . was fehlt dieser hier?“ fragte sie. „Es mag ärgere geben. Mochtest du verkaufen?" „Das will ich meinen, wo mein Mstm gen . . .** Tränen waren ihr nah. I starb, die Kinder aus dem Habse gin- Der Matrose besah sie von oben bis unten. Sie sah immer noch anziehend aus. Ihr Gesicht war wohl nicht mehr hübsch, aber doch wenigstens vernünftig Sie besaß, das merkte er, zwei tüchtige Hände. „Ich kaufe,“ sagte er „Dann lieber heute als morgen. Ich gehe gleich, wenn du willst." „Das wirst, du nicht,“ fiel er schnell ein. „Ich nehme alles, wie es geht und steht — oder nicht." „Du meinst das Geschäft nicht wahr?“ fragte sie. „Ja, das Geschäft,“ sagte er. „Den Ring besorg ich morgen.“ Die Frau stand vom Rechentisch auf. „Komm hinein an den Ofen," sagte sie, „ich mische dir einen heißen Grog. Es scheint heute dreußen kelt zu sein. Und der Matrose zog seinen Sessel an die rote fröhliche Glut, während Im brei- ten Kamin der Wintersturm wimmerte Tiergarten ungestörte Grüntldche Diesem Zweck soll auch eine kürzlich in Zehlendorf eröffnete Ausstellung über Planungen zum Wiederaufbau dienen. Die Abteilung „Verkehr“ zeigt eine* Plan, der alle Berliner Kopfbahnhöfa be- seitigen und den gesamten Durchgangs- verkehr auf sechs bis acht Ferngleise der west-östlichen Stadtbahn leiten will tnit einem Zentralbahnhof Friedrichstraß* oder Zoo. Bemerkenswert ist auch die Absicht, den Autoverkehr von West nach Ost nicht über die breite Achsenstraße durch den Tiergarten, sondern südlich des Tiergartens über eine Durchbruchstraß* von der Budapest» zur Leipziger Straße zu führen. Hauptidee bei diesem Plhn ist die Rückführung des Tiergartens in eine ungestörte Grünfläche, die nicht in der Mitte durch eine Hauptverkehrs- ader durchschnitten wird. Von der Diskussion über dfe Planun- gen in den Fachkreisen und in der ge- samten Bevölkerung erwartet man neue Gedanken und Verbesseruogsvorschläge, die auch für manche andere Großstadt Geltung haben werden. Friedensboten YtA/as würden Sie zu einer Einladung w nach England sagen? Diu Frage isi kein dem Gehirn infolge Kaloridnmangels entsprungener schlechter Scherz. Sie können tatsächlich, wenn di« Voraus- setzungen gegeben sind und sonst keine H* - *4 An" • Jitwfe*—»)» OtJrb 0 <» eine Einladung zur Auswanderung nach Großbritannien erhalten. Freuen Sie sich aber nicht zu früh und gießen Sie gleich einen Schuß Wasser in den Wein Ihier Begeisterung! Ihre Hoffnung üt trüge- risch, wenn Sie keinen Verwandten in Großbritannien haben, der Sie cinlädl und Ihren Unterhalt wie Ihre Unterbrin- gung gewährleistet. Der Weg über die Grenzen, den so viele Deutsche nicht zuletzt in angebo- rener Sehnsucht nach der Ferne antreten möchten, ist noch mit „wenn" und „aber" gepflastert. Klingt es jedoch nicht be- reits wie eine Verheißung, ist es nietet bereits ein Wechsel auf eine von Miß- trauen und sonstigen Einschränkungen und Voraussetzungen entrümpelte freiere Zukunft, wenn über einer sozusagen amt- lichen Nachricht zu lesen ist, daß deutsche Menschen, die Verwandte in England haben, unter bestimmten Um- ständen nach Großbritannien gehen kön- nen? Ein Anfang wird gemacht, das ist die^Hauptsache. Die Welt, einschließlich Deutschland, rückt dem Normalzustand und damit dem Frieden einen Schritt näher. Justus Berlin baut amerikanische Kolonie Einfamilienhäuser aus TrümmerschuJtt - verschwinden Kopfbahnliöfe sollen Berlin, 12. Juli. — NRZ. (Eig. Ber.) Interessante Bericht« über Berliner Auf- l>cLL>|/lb'iit; TSTTttP vici ersten*TTOTnUIBI emrrr in Berlin neu erscheinenden Bauzeit- schrift, der „Neuen Bauwelt", zu entneh- men. So ist im amerikanischen Sektor Berlins, nördlich der Grunewaldseen, Krumme Lanke und Schlachtensee, der Bau einer Großsiedlung in eingeschossi- ger Bauweise geplant. Sie soll der Besat- zungsbehörde zur Verfügung gestellt wer- den und damit die Rückgabe der meisten zur Zeit beschlagnahmten Häuser in Zeh- lendorf an die deutsche Bevölkerung er- möglichen. Es sollen nach dem Programm der Militärregierung Einfamilienhäuser entstehen, abgestuft je nach Rang der Offiziere; weiterhin Klubhäuser, Kultur- bauten und eine Badeanstalt an der Krummen Lanke. Für die Siedlung ist eine Fernheizung vorgesehen. Alle Häuser werden aus Formsteinen er- richtet, die aus Trümmerschutt herge- stellt werden. Die Dachkonstruktion be- steht aus Fertigbetonteiien, die aus Trümmerbeton gegossen werden. Holz wird nur lür Türen «nd Fenster verwen- det Durch ein im Bau befindliches Probe- haus sollen noch letzte Erfahrungen ge- wonnen werden, bevor die Häuser der Zehlendorfer Großsiedlung ln der neuen Bauweise serienmäßig hergestellt werden« Bauchpatrioten LJusum, eine Kreisstadt nahe der Wcst- 1 1 küste Schleswigs, rückte vor einigen Tagen durch eine Großkundgebung der SPD. in den Blickpunkt der Oeffentlich- keit. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand eine Rede Dr. Schumachers, die sich besonders mit den „Speckdänen deutschen Geblüts“ — wie er sie so tieffend nannte — befaßte, also mit jenen politischen Spekulanten, die die Konse- quenz des verlorenen Krieges und der durch sein Chaos herbeigeführten Not- lage unseres Volkes mit Separatismus auf Minoritätsbasis zu beantworten ver- suchen. Unter dem Namen „Süd-Schleswig- Hilfe werden an die dänische Minderheit in Schleswig, die duich viele Ueber- läufer aus dem deutschen Lager laufend verstärkt wird, regelmäßig Lebensmittel- ,pakete vorteilt, gegenwärtig schon an mehr als 55 000 Personen. Nichts gegen dänischen Speck. Pakete aber, die deutsche Separatisten, die ne- benbei anch noch verzweifelt nach einer dänischen Großmutter fahnden, satt- mache« sollen, sind politische Atom- bomben. Ueber die Wirkung einer Atom- bombe wurde nach clem kürzlich erfolgten Versuchsabwurt jm Bikini-Atoll noch aus- führlich belichtet. Die NRZ bemerhitT -... Pate Nr. 1 ^Arilhelm- Nieswand, Vorsitzender der w Sozialdemokratischen Partei Unter- bezirk Essen, ist Pate Nr. 1 der NRZ. Im Auf und Ab des Le- bens hat er gelernt, geduldig zu sein und lange Entwicklungen gleichmütig abzuwar- ten. Alt lm Oktober, November des ver- gangenen Jahres rlic ersten Schrille unter- nommen wurden, die zur Gründung einer Zeilung führen soll- ten, ahnte niemand, wieviel Schwierig- keiten überwunden werden mußten, be- vor der Plan Wirklichkeit wurde. Und manchmal sah cs fast so aus, als sei alles Planen und Hoffen überhaupt zum Schei- tern verurteilt. Wilhelm Nteswand ließ sich nicht aus der Rohe bringen? er- wartete weiter oe- dUIdig um* giefthmütig: Am Ende mußte es doch werden, gute Dinge müssen „aus- reifen". Und heute lächelt er—zufrieden. Nach neun Monaten ist das Kind, die NRZ., nun doch normal geboren worden. Als Pate und Lizenzträger an, Sein und Gedeihen des Neuankömmlings stark An- teil nehmend, wartet er mit gewohnter Ruhe und Gleichmut die Entwicklung ab. Wilhelm Nieswand -wird weiterhin zufrieden lächeln dürfen — hoffen wir. Militärregierung in Deutschland gekenn- zeichnet 7ii worden braucht, wonach die amerikanische Mihl.irniiu-umii es nicht ztilassen könne, daß Deutschland Amerika weiter auf der Tasche liegt. Amerika führt damit die ganze Ruhr frjgc zugleich aber wieder auf ihren Kernpunkt zurück: auf die aller poli- tischen Entscheidungen innewohnende wirtschaftliche Problematik. Es gehl bei der Ruhrfrage letztlich um die Kohle. Genauer gesagt:um eine Jahresproduk- tion von MO Millionen Tonnen Kohle", wie de Gaulle einmal lestslellte, und das sei „nicht eine deutsche, sondern eine internationale Angelegenheit". Wie sehr sie jedoch zuerst einmal eine deutsche Angelegenheit ist,- wird Europa inzwischen an den Förderziffern gesehen hoben: während trotz dem verschärften Luftkrieg im Jahre 1944 noch Ul '(1938: 127) Millionen Tonnen Kuhle im Ruhr- gebiet gefördert wurden, bei einor Schichtleistung, von v:a. 1,5 Tonnen pro Bergmann, liegt die Schichtleistung jetzt zwischen 0,9 bis 1,3 Tonnen mithin eine arbeitstägliche Gcsamtförderlcistung von etwa lüÖOOO Tonnen, das sind rund 56 Millionen Tonnen Jahresleistung. Die Emahrungstage in der britischen Zone und speziell im Ruhrgeb'et sind kein Ansporn zu körperlichen Höchst- leistungen. Die Ungewißheit in dem ge- samten Fragenkomplex um die Ruhr ist im Zusammenhang mit anderen Impon- derabilien im Revier darüber hinaus ein psychologisches Hemmnis, das nur mit einer klaren Entscheidung der Alliiertet» beseitigt werden kann und den» Berg- arbeiter nach Erstellung der physischen Voraussetzungen, (erhöhte Lebensmittel- rationen für sich und seine darbende Familie) wieder den Willen nach er- höhter Leistung nahe bringt. Die Lösung der Frage nach dem Betgarbeiternach- wuchs lenkt die Aufmerksamkeit schließ- lich noch verstärkt auf den notwendigen guten Willen der Deutschen, da die durch den Krieg gerissene Lücke bei den Ruhrknappen wohl kaum durch frei- willigen Einsatz von Bergarbeitern aus anderen Ländern Europas geschlossen werden wird. Englands Vorschlag Die britischen Vorschläge formulierte Bevin aut dem Parteitag der Labour Party zu Pfingsten in einer „Schäftung einer besonderen Provinz unter inter- nationaler Kontrolle, aber später ein- gebaut in den Zusammenhang eines föderativen Deutschlands,- wenn dieses errichtet werden kann". Und aus einem Frankreich überreichten britischen Ruhr- plan geht u. a. hervor, daß England zur Lösung des strittigen Problems als Kom- promiß nach Beendigung der alliierten Besatzung eine Verstaatlichung der größeren Industrien einschließlich der Kohlenbergwerke an der Ruhr unter ört- licher deutscher Verwaltung Vorschlag!. Frankreichs ablehnende Haltung zu die- ser Lösung ist bekannt Wenn in diesen Meinungsstreit um die Ruhrfrage das trotz des Besatzungs- kontakts mit Deutschland europaferne Amerika eine abwartend» Haltung em- nimmt und sowohl dem Standpunkt Frankreichs (laut Byrnes) „eine verständ- nisvolle Haltung" entgegenbringt, als auch (durch General McNarney) recht deutlich die Notwendigkeit erkennt, daß das Ruhr- gebiet wirtschaftlich als ein Bestandteil Deutschlands anzuschcn ist, dann ist da- mit zugleich auch die Stellungnahme Amerikas Umrissen, die nicht erst durch die Worte des Chefs der amerikanischen eine eine von Frankreich für Abtrennung Die Forderungen lauten in konkretester Form seitens der Franzosen seit der Kapitulation im Mai 1945 und in ihrer durch Bidault. Mitte Mai 1946 erneut zum Ausdruck gebrachten Zielsetzung: poli- tische und wirtschaftliche Internatlonali- sierung des Ruhrgebietes unter Beteili- gung sämtlicher an der Organisation des neuen Ruhrregimes' interessierten Staa- ten. Besetzung durch eine internationale Streitmacht. Enteignung der Schwer- industrie und Zollgrenzen zwischen dem Ruhrgebiet und Rest-Deutschland. In diesem Pufferstaat zwischen dem Frankreich vorgelagerten Belgien und dem verbleibenden Rest von Deutschland glauben die nach Sicherheit strebenden Franzosen die Garantie gegen einen von ihnen immer wieder in den Bereich des Möglichen gezogenen deutschen Angriff zu sehen. Dabei spielt nicht der Raum als solcher den Sicherheitsfaktor, son- dern die scheinbare Unmöglichkeit für die Schwerindustrie, im Rahmen der von internationalen Kontrollorganen beauf- sichtigten Produktion für eine Aufrüstung Deutschlands zu arbeiten. Inwieweit da- bei der Gedanke mitspielt, die Ruhr- schwerindustrie und die Ruhrkohle (ähn- lich wie im Saargebiet) in den Wirt- scbaftsaulbau Frankreichs cinztibauen und sich als Rüstungsfaktor nutzbar zu machen, sei in diesem Zusammenhang nicht untersucht Doch eine einheitliche Ausrichtung in der Behandlung der Ruhrfrage ist auch in Frankreich nicht anzutreffen. Während die französischen Sozialist»!» die Notwendigkeit anerkennen, daß die Ruhr und das Rheinland bei Deutsch- land verbleiben, weichen die franzö- sischen Kommunisten von dieser Haltung eindeutig mit der Forderung ab, das ft ' ulir i/i tuet zu hmT?«rt K>twih*i«M4w», «.» « » wie ihr Führer Maurice Thorez hn Fe- bruar dieses Jahres vor französischen Grubenarbeitern erklärte „die Wieder- errichtung eines zentralisierten Deutsch- lands zu verhindern" Rußland hat sich entschieden Damit setzen die französischen Kom- munisten in ihrer politischen Zielsetzung eine Maxime Stalins fort, die dieser in seinem einzigen Interview in der Ruhr- frage Ende des vorigen Jahres dem amerikanischen Senator Claude Pogger von Florida gegenüber auistellte. als er sagte: „Wir müssen Deutschland aller Möglichkeiten berauben, um in Zukunft Krieg zu führen und daher auch des Ruhrgebietes, denn von da hat Deutsch- land den größten Teil seiner Kriegs- materialien bezogen, deren es bedurfte“ (New York Times, 1 10. 45). Diese pri- vate Aeußerung Stalins ist jedoch nicht mit der offiziellen russischen Stellung- nahme gleichzusetzen. In der bisher von Molotow gepflegten Hinhaltetaktik, in der der russische Außenkommissar dem einseitigen französischen Plan seine Zu- stimmung verweigerte, ist jetzt auf der Pariser Außcnmiiüstcrkonferciiz Fixierung erfolgt, -die sich gegen Abtrennung des Ruhrgebietes Deutschland ausspricht. Die Kuliuriraffe und die Sozialdemokratie „Dia kulturellen Aufgaben sind ln ttts» serem vertraten Lende nicht geringer geworden, sondern «her noch jn» wachsen", erklärte auf einer Besprechung interessierter Partelkreise ln Düsseldorf F. F e 1 d e n s ,' Esen. in einem grundsät;:- 'liehen. Vortrag über „Die Kultur« trage u"nd die Part»i". „Stärker noch als bisher wird die SPD. an ihrer Lösung mitarbeiten müssen. Wenn sie in der Vergangenheit auch hauptsächlich um die politische und wirtschaftliche Freiheit gekämpü hat. und -wenn euch heute die dringendsten Probleme auf sehr realen Gebieten liegen, so kann sich die Partei darüber ihier Kulturmission nicht entziehen. Sie arbeitet für ein* Gesellschaft, in der das Soziale, Po- litische und Kulturelle harmonisch ver* bunden sind" Der Vortragende ging von def g*- schichtlicben Entwicklung der Kultur» und Bildungsarbcit in der Arbeite** bewegung aus. Er zeigte, wie sich a** den drei Faktoren, die die Kultur auf» bauen: der tragenden Kulturidee, de:» Bildungsantrieben* und dem objektiven Kulturgut die Aufgaben der Zeit ergeben. Die sozialistische Kultur ist noch keine Tatsache, sie ist ein Ziel, erklärte Fel* dens weiter. Eine Kultur kann man nicht frisch aus dem Boden stampfen. So wird auch die SPD die große geistige Erb- schaft der Vcruangcnheit nicht zurück» weisen. Aber sie wird auch nicht kritik- los übernehmen, sondern prüfen, und in das Ncm- hineinlonopn. Das Wort Romain Rolland«, des großen lranzösi« sehen Dichters, Musikers und Sozialisten kann dabei als Leitwort über dieser sozialistischen Kulturaibeit.stehen. Die Aufgaben selbst haben eine nega» live und eine positive Seite. Die Ver- wirrung und Einschüchterung, die der Nationalsozialismus hinterlassen hat» müssen überwunden, die Scheuklappen abgelegt werden. Maßgebend ist nach wie vor die alte Forderung des Heidel- berger Parteitages nach Aufhebung da* Bildungsprivilegs. Alle Schulfragen, so sagte Feldens ab* angepackt, die Erwachsenenbildung muß wieder auf gebaut werden Hier heißt es nicht nur Bildungslücken schließen, sondern zu der Auseinandersetzung mit den kul- turellen Gegenwartsprob emen hinführen. Kunst, Theater, Musik und Schrifttum müssen sich in voller Freiheit entfalten können. Die Möglichkeit der Teilnahm* an den Kulturschöpfungcn muß all- gemein sein. Film und Radio fordern er- höhte Beachtung, die Filmkritik wird sich ein ganz anderes Niveau erarbeiten müssen. Nachdem K. Lüne mann, Wupper- tal, die praktischen Fragen, die sich aus dieser grundsätzlichen Einstellung er- geben, behandelt hatte, folgte eine Aus- sprache. neue Ruhr-Leitung L-Jekfftaf Nr; .1 U. Juli «*» Beitrag zum Aufbau wärtigen Verhältnissen an den Leser E ine heue Z itung unter den gegen- zu bringen, ist keine große Kunst. Der Hunger nach Nachrichten und nach Papier allein bürgt dafür; daß sie ihr Publikum findet. Aber eine bestimmte Zeitung heimisch XU machen in einem großen Verbreitungs- gebiet als eine schwer zu entbehrende Informationsquelle für den Mann auf der Straße und als einim Leitfaden durch die chaotische Zeit für alle, die am Wieder- aufbau ihrer Heimat und ihres Vater- landes hellen vollem, das ist ein« Auf- gabe, die schwerer* zu bewältigen ist. besonders wenn man darüber hinaus noch die Müden; Verzweifelten und Lauen zur Teilnahme an dem Aufbau- werk wachrütteln will. Die „Neue Ruhr-Zeitung" hat sich diese Aufgabe gestellt und ihre Heraus- geber und Mitarbeiter betrachten ihre Arbeit selbst als einen wichtigen Beitrag xum Neuaufbau, ja, als einen unentbehr- lichen Beitrag. Denn eine von den jeweiligen Maeäsh haben» unabhängige, aber verantwot* tungsbewußte Presse, eine Zeitung, die aus eigenem Antrieb sich bemüh!, dl« Geschehnisse nach bestem Wissen und Gewissen unverfälscht da.TzustcUen und dabei in den vom Gesetz gesteckten Grenzen lm Interesse der Gesamtheit furchtlos ihre Meinung zu sagen, wo «• notwendig erscheint, ist in einem Ge- meinwesen nicht ohne Schaden zu ent- behren. Man hat nicht mit Unrecht ge- sagt daß 14 Tage Pressefreiheit in Deutschland genügt hatten, um das naliondlsozialUtiscne Regime rechtzeitig xu stürzen. Wie vieles wäie dadurch dem deutschen Volk erspart geblieben Die Pressefreiheit ist das erklärte Ziel der Besatzungsmächte beim Aufbau eines demokratischen Deutschland, und in den westlichen Besatzungszonen ist man die- sem Ziel tatsächlich schon nahe gek m- Eien. Aber im Ruhrgebiet und am nörd- liche Niederrhein fehlte bisher für einer. oßen Teil der Bevölkerung, die eigene bodenbeständige Zeitung. Diese Lücke auszufüllen, sind wir da. Wenn irgendwo ln Deutschland auf- gebaut werden soll, dann muß hier an der Ruhr und am Niederrhein angefangen werden. Und auf das Ruhrgebiet bückt Europa, denn von hier fließt auch der gesamten westeuropäischen Wirt- schaft neues Blut zu, und von hier aus kann Deutschland in erster Linie seinen Beitrag zum Wiederaufbau Europas leisten Unter welchen Bedingungen dasRhcin- Ruhr-Gebiet in Zukunft wieder seine hervorragende Aufgabe für Deutschland und Europa erfüllen soll, das hängt beute zwar am wenigsten von nns Deutschen ab. Soweit hat es die letzte deutsche Regierung gebracht, daß Deutsche ihr Schicksal jetzt aus fremden JTtadea ontgegenzunchmen hahru. Aber eine Stimme haben wir, unseren guten Willen zu verkünden, eine Stimme, die wir in unserem Interesse geltend machen können. Wenn wir diese Stimme der Vernunft dem ernsten Friedenswillen und dem Recht leihen dann wird sie — dessen sind wir sicher — sich Gehör verschaffen können. Es hat sich gezeigt, daß derjenige, der mit dem Kopf durch die Wand gehen will, höchstens seinen Kopf riskiert. Viele ln Deutschland haben das erst unter furchtbaren Schmerzen selbst erfahren müssen, weil sie dieser Binsenwahrheit - vorher keinen Glauben schenkten. Wir alle haben die Folgen davon zu tragen. Nach diesen Erfahrun- gen aber, gibt es nur den Weg der Ver- nunft und des Rechts. Die „Neue Ruhr-Zeituhg" will den Weg bereiten helfen, nicht mit hoch- tönenden Worten als Begleitmusik zur Mühe und Plage der anderen, sondern im Gleichschritt mit der Kleinarbeit, mit den täglichen Sorgen, unterrichtend und ratend, aber Immer das Ziel vor Augen Deutschlands Neuaufbau. Das heißt nichts weniger als eine Be- schränkung auf die nationalen Aufgaben. Wir denken letzten Endes an Europa, wenn wir Deutschland sagen, an Europa als eine historisch gewordene moralisch- geistige und wirtschaftliche Einheit, deren Völker auch politisch einmal ein gemeinsames Haus finden müssen, wenn dieser alte Erdteil, der heute an die zweite oder dritte Stella gerückt ist, nicht das Ruinenfeld werden soll, zu dem deutsche Städte von stolzer Vergangen- heit herabgesunken sind. Ohne Deutschland aber ist Europa nicht zu denken. Wer Europa neu schaffen will, muß Deutschland wisder- aufbauen. Und dazu sind wir als Deutsche in erster Reihe berufen. Deshalb s'nd wir berechtigt, zuerst von Deutschland zu sprechen, wenn wir en Aufbauarbeit denken, um so mehr als Kaum ein an- deres Land in Europa durch den Krieg härter getroffen wuide als Deutschland — dank vor allem der Wahnslnnspolitlk seiner eigenen Regierung. Uns treibt kein Parteigeist, und unser Ziel ist nicht die Herrschaft einer Partei. Die entsetzlichste Verirrung im de»it- sctien politischen Leben war der Sieg Hes ext-omen Parteigeistes der NSDAP. E» hat die furchtbarste Katastrophe über das deutsche Volk heraufbeschworen, eine Katastrophe, wie sie In diesem Um- fang in der modernen Geschichte bisher kein zweites Volk getroffen hat. Aber auch wir werden nicht über den Parteien stehen, erstens weil es das nicht gibt, und zweitens, weil in der zukünf- tigen deutschen Staatsform, ln der Demo- kratie, den Parteien eine wichtige Rolle zukommt, nämlich Instrumente der poli- tischen Willensbildung des Volkes zu sein. Die „Neue Ruhr-Zeitung“ will poli- tisch wirken und wird deshalb Partei neniuen. Sie wird für die Sozialdemokra- tie eintieten, »veil diese Partei den Neu- aufbau Deutschlands in sozialistischem Criste will, d. h. zur Wohlfahrt der brei- ten arbeitenden Schichten, deren Anwalt auch wir sein werden, und weil die Sozialdemokratie die beste Garantln für die Freiheit ist, für die Freiheit der Mhinühgsäußonmg, der Religion, des kulturellen Lebens und der ganzen Nitiqn. Das bat ihre Geschichte be- wieiea Zwischen Rhein und Ruhr liegt unser Sein oder Nichtsein Ruhrgebiet: Europa-Problem Nr. 1 In keiner der zahlreichen Fragen, <lie sich mit dem Problem Deutschland be- fassen, verwebt sich enger Politik mit Wirtschaft als bei der Ruhrfrage. Die Problemstellung ist bekannt; soll das Ruhrgebiet weiterhin als ein wesent- licher Teil Deutschlands verbleiben, oder soll cs — in der weitestgehenden geg- nerischen Meinung — ein selbständiges zollumschlossenes Staalsgebilde uriter internationaler Verwaltung werden, dessen Zugehörigkeit zu Deutschland nur noch aus der deutschen Sprache und Lebensart zu erkennen wäre. Zwischen diesen Extremen fingen die innen- und außenpolitischen Diskussionen aufeinander prallender Auffassungen. Die Verzahnung von politischer und wirlschaltlicher Problematik aber hebt den ganzen Fragenkomplex aus der rein theoretischen Diskussion in die Sphäre t!er „hohen Politik" mit Ausstrahlungen auf den gesamten europäischen Kon- tinent. üic arbeiten für Europa Ruhrbergleute verlassen beim Schicht- wechsel die Zeche. Nach der Arbeit unter Tage wartet zu Hause die Sorge

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