WP I Mein Leben
MEIN LEBEN ICH BIN EIN TEIL VON EUCH Meine kopfschüttelnden Bekannten? Die stirnrunzelnde Dame vom Renten- amt, von der ich mir „nur mal so“ eine Meinung einholte? War ich wirklich so naiv, zu glauben, ich hätte jetzt noch eine Chance? Machte ich mich gar lä- cherlich? Lustige Frage rückblickend, denn heute erlebe ich eine der Hoch- zeiten meines beruflichen Lebens. Ich bin mittendrin, kann mich einbringen, kann Erfahrungen weitergeben und jetzt in einem völlig neuen Umfeld selbst noch Spannendes erleben und dazulernen. „Arbeiten war für mich nie eine Belas- tung, sondern eine Bereicherung“ Die Firma, für die ich zuvor sieben Jahre lang gearbeitet hatte, melde- te vor drei Jahren Insolvenz an. Und tatsächlich war das die Frage, die mir Kollegen und Freunde immer wieder stellten. „Warum tust du dir das mit 60 noch an?“ Um ehrlich zu sein, habe ich die Frage nicht verstanden, denn sie impliziert, dass Arbeiten eine Belas- tung wäre, ein Joch, eine Qual, zumal in meinem Alter. Tatsächlich hatte ich den Eindruck, mich dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich arbeiten wollte. Arbeiten war für mich jedoch nie eine Belastung, sondern vielmehr immer eine Berei- cherung. Und – Gott sei Dank! – sagte mir auch mein Spiegel: Du bist noch keine Rentnerin! Ich war und bin vol- ler Energie, blicke auf vierzig leben- dige Jahre voller beruflicher Aktivität zurück. Angefangen bei Procter & Gamble im Bereich Organisationsent- wicklung, habe ich als Fremdsprachen- korrespondentin, PR-Referentin und Marketingleiterin in verschiedenen re- nommierten Unternehmen gearbeitet. Fakt ist: Ich habe etwas zu bieten. Aber so sah das niemand: Man sah in mir offenbar nur eine ältere Frau, von der man sich fragte, ob sie in Zeiten der zunehmenden Digitalisierung mit- halten kann, ob sie nicht eher hinder- lich als hilfreich und Veränderungen gegenüber aufgeschlossen genug ist, ob sie vielleicht mehr Krankentage sam- melt und überhaupt weniger belastbar ist als jüngere Menschen. „Schluss machen mit den Vorurteilen gegenüber älteren Arbeitnehmern“ Es war Zeit, Schluss zu machen mit sämtlichen Vorurteilen und Klischees gegenüber älteren Arbeitnehmern, ge- genüber älteren Menschen überhaupt! Ich beschloss, die allgemein gültigen Regeln einer Bewerbung aufzuweichen und in die Offensive zu gehen. Erster Satz: „Ja, ich bin sechzig, aber das heißt nicht, dass ich automatisch zum Club der alten Schachteln zähle.“ Au- ßerdem änderte ich mein Bewerbungs- foto: nicht im Kostüm, nicht adrett, nicht schwarz-weiß, sondern an der Seite meines Pferdes. Authentisch ich. Es funktionierte, ich erhielt Angebote. Für mich stand eines fest: Wenn ich jetzt nochmal etwas Neues anpacken würde, dann sollte dies das Highlight in meiner beruflichen Laufbahn sein. Ich wollte etwas Neues probieren und raus aus der Komfortzone! Ich bewarb mich bei einer anspruchsvollen Agen- tur mit Sitz in Attendorn, die sich mit Markenführung und Wettbewerbsvor- sprung für Familienunternehmen be- schäftigt. Initiativbewerbung. Freund- liche Absage. Dann – kurze Zeit später – waren drei Stellen ausgeschrieben. Keine passte zu mir. Sie nahmen mich trotzdem. Nun arbeite ich als Assistenz der Geschäftsführung, gehöre zum Autoren-Team, begleite Projekte, bin Bloggerin. Fachkräftemangel? „Die Älteren kön- nen die Lösung sein“ Hier kümmert sich niemand um Kli- schees, schert sich niemand um Alters- grenzen oder andere gesellschaftliche Kleinkariertheiten. Hier erlebe ich Inspiration, weil auch ungewöhnliche Taten und Charaktere zugelassen und gewünscht sind. Weil Jung und Alt zu- sammenwirken. Und Diversität normal ist. Zugegeben: In der ersten Woche kam ich mir vor wie auf der Enterpri- se. Hier war einfach alles anders. Un- wohlsein beschlich mich. Allein diese Marketeer-Sprache! Auf was für einen Wahnsinn hatte ich mich da eingelas- sen?! Doch schon kurze Zeit später war klar, dass ich hier genau richtig war. Viele Firmen klagen über den Fach- kräftemangel. Sie suchen Personal – und übersehen dabei oft ein großarti- ges Potenzial: das Know-how und den Background der Älteren, von denen viele nach wie vor fit sind und gern ihr Wissen an Jüngere weitergeben wür- den. Unternehmen, die älteren Mit- arbeitern eine Chance geben – und das muss einfach zur Selbstverständlich- keit ohne ständige Überbetonung wer- den – können nur profitieren. Und an- dersherum – so, wie auch ich profitiert habe. Niemand sollte an sich zweifeln oder sich irgendwelchen Vorurteilen beugen. Ich bin einfach meinen Weg gegangen. Zum Glück!“ (aufgezeichnet von Daniel Berg) „ICH WOLLTE ETWAS NEUES PROBIEREN UND RAUS AUS DER KOMFORTZONE!“ RUTH SCHULZ-WIEMANN Fotos: Jakob Studnar / Funke Foto Services, Privat
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