WP I Mein Leben
13 MEIN LEBEN ICH BIN EIN TEIL VON EUCH Bei allen, die älter sind, macht man auch schonmal andere Erfahrungen. Auch zu mir hat man schon gesagt, dass ich dahin gehen soll, wo ich her- gekommen bin. Ich war der Person nicht böse, weil ich das Gefühl hatte, dass sie wenig mit anderen Kulturen zu tun hatte. Einladung, Fragen zu stellen über den Islam Aber das ist es ja: Oft ist es die Unwis- senheit, die der Verständigung imWege steht. Viel zu selten spricht man mal wirklich miteinander. Wir haben von der Gemeinde aus einmal Rosen in der Stadt verteilt und sind so auf die Men- schen zugegangen, haben sozusagen eine Einladung ausgesprochen, Fra- gen zu stellen über den Islam. Denn der wird mittlerweile leider oft in Ver- bindung gebracht mit Islamismus, mit den terroristischen Anschlägen, die es in der Vergangenheit gegeben hat. Der Islam wird mit etwas Schlimmem ver- bunden. Dabei ist er – wie jede andere Religion – dafür da, Frieden zu finden, mit sich, mit anderen. Wir sind gläubige Muslime, wir trin- ken keinen Alkohol, fasten im Monat Ramadan, meine Frau trägt Kopftuch. Was für Christen der Sonntag ist, ist für Muslime der Freitag. Ich habe meinen Chef in der Werkstatt gefragt, ob ich an dem Tag immer meine Mittagspause nach hinten verlegen kann, damit ich für das Freitagsgebet in die Moschee kann. Er stimmte zu, was ich als wun- derbares Zeichen des Entgegenkom- mens empfinde. Kopftuchverbot für Beamtinnen? „Halte ich für falsch“ Überhaupt sind die Jungs in der Werk- statt cool, Kollegen sind Freunde ge- worden. Aber auch dort musste ich mich erstmal beweisen, musste zeigen, dass ich was kann und dass ich in Ord- nung bin. Ibo sagen sie zu mir. Jedes Mal fragen sie zu Ramadan: Und du isst jetzt wirklich nichts? Trinken tust du auch echt nichts? Jedes Jahr die gleichen Fragen, seit vielen Jahren. Wir lachen zusammen darüber. Unsere Generation ist deutlich aufge- klärter bei interkulturellen Fragen. Das macht es leichter. Aber es gibt auch die anderen Momente. Wenn wir als Fami- lie auf dem Spielplatz sind, dann sehen wir die Blicke von denen, die glauben, wir würden ihre Blicke nicht sehen. Vielleicht liegt es am Kopftuch meiner Frau. Wenn wir uns dann auf Deutsch unter- halten, dann scheinen manche über- rascht zu sein. Als wenn das Kopftuch ein Zeichen mangelnder Bildung wäre. Gutes Stichwort übrigens: Das von der Regierung verabschiedete Kopftuch- verbot für Beamtinnen halte ich für falsch. Lehrerinnen dürfen es nicht tragen, aber wenn die Putzfrau um die Ecke biegt, ist Kopftuch ok, oder wie? „Vorurteile gibt es nicht nur auf einer Seite“ Die Angst vor Fremdem ist immer noch vorhanden. Meine Frau und ich gehen auf alle Menschen zu, wir ver- suchen, ein ganz normaler Teil der Ge- sellschaft zu sein, wir versuchen uns zu integrieren, wir Muslime müssen uns integrieren. Aber: Die andere Seite muss es auch zulassen. Mir kann jeder jede Frage stellen, um Missverständnis- se und Vorurteile auszuräumen. Aber auch Vorurteile gibt es nicht nur auf einer Seite: Als wir damals mit den Rosen in der Innenstadt unterwegs waren, kam ein relativ junger Typ auf mich zu: muskulös, breitbeinig, Glat- ze. Ich dachte: oh, oh. Vor mir machte er Halt und sagte: „Ich weiß, was du denkst, aber so ist es nicht. Ich habe viele muslimische Freunde. Coole Ak- tion!!“ (aufgezeichnet von Daniel Berg) „UNSERE GENERATION IST DEUTLICH AUFGEKLÄRTER BEI INTERKULTURELLEN FRAGEN.“ Fotos: Ralf Rottmann / Funke Foto Services
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