Berliner Morgenpost | Dossier | Berlin mit dem Rad

9 BERLIN MIT DEM RAD drängt – nun duftet es nach blühenden Obstbäumen. Sie stehen in Kleingärten an der Kiefholzstraße in Neukölln an der Grenze zu Treptow. Auf einem breiten, frisch geteerten Fahrradweg gleitet man hier auf einer Brücke über die Riesenbaustelle der A100 hinweg. An einem Mauerdenkmal geht es rechts in den Grünzug am „Nördlichen Heidekampgraben“. Der Lärm verstummt, am Horizont türmen sich die Neuköllner Wohngebirge aus Mauerzeiten – und neben einem plätschert besagter Graben als beschaulicher Bach. Ab hier geht die Fahrt eigentlich nur noch durchs Grüne. Auch wenn die Großstadt gleichzeitig immer in Sichtweite bleibt. Die Versuchung ist groß, das 30 Kilometer lange Teilstück des Mauerwegs einfach sportlich anzugehen. Gut fahrbare, breite und kilometerlange Strecken, auf denen sich Radfahrer, Fußgänger, Hunde, Kinder, Roller- und Skaterfahrer gut ausweichen können, gibt es in der Berliner Innenstadt ja bisher noch nicht allzu viele. Auch wenn die Politik mehr verspricht. In der Tat waren es Naturschützer und passionierte Fahrradfahrer um den Grünen-Politiker Michael Cramer, die sich nach dem Mauerfall dafür einSpree Teltowkanal ehem. Grenzübergang Waltersdorfer Chaussee ehemaliger Grenzübergang Sonnenallee Südpark Landschaftspark RudowAltglienicke Mauerreste Neukölln Rudow Lichtenrade Schönefeld Grossziethen Kreuzberg Adlershof Treptow Lohmühlenbrücke Kiefholzstr. Mauerradweg Mauerdenkmal B96 Chris-GueffroyGedenkort Auf dem Mauerradweg Karte: cs IN KÜRZE Start: Lohmühlenbrücke (Neukölln) Ziel: Mauerfall-Denkmal Kirchhainer Damm (Lichtenrade) Länge: ca. 32 Kilometer Fahrtzeit: ca. 2,5 Stunden Schwierigkeit: mittel, kaum Steigungen, ausgeschildert Einkehr: Imbiss „Am Ziel“, Am Klarpfuhl 39, 12355 Berlin ÖPNV: S-Bhf. Treptower Park (S41/42, S8, S9, S85), S-Bhf. Lichtenrade (S2) Karl Möller, hier unterwegs mit seiner Frau Elfriede, war einst Grenzsoldat bei Berlin. setzten, den einstigen Grenzstreifen rund um West-Berlin zu erschließen – als Erholungsort, für den Naturschutz und als Denkmal. Denn der Mauerweg ist auch 32 Jahre nach dem Ende der Teilung ein historischer Ort. Entlang der Strecke berichten heute zahlreiche Stelen in Fotos und Texten über die Schicksale der Maueropfer. Menschen, die die Freiheit wollten und dafür getötet wurden. Die DDR leugnete und verheimlichte Fluchtversuche und Opfer. Mindestens 140 Menschen fielen dem Grenzregime an der West-Berliner Grenze zwischen 1961 und 1989 zum Opfer, die genaue Zahl ist bis heute nicht klar. Als Grenzsoldat nahe Rudow: „Es galt der Schießbefehl“ So trifft man auf dem Mauerweg nicht ausschließlich Sportler und Naturfreunde. An der Sonnenallee, wo zu Mauerzeiten ein Grenzkontrollpunkt stand, stoppen an diesem Tag Karl Möller und seine Frau Elfriede an einer Schautafel und zwei Fernrohren, wie man sie von Berggipfeln kennt. Sie sollen vielleicht an die Zeiten erinnern, als es im Westteil an der Mauer Aussichtsplattformen gab, von denen man nach „drüben“ schauen konnte. Auf Wachtürme, Streckmetallzaun, Militärfahrzeuge und Soldaten. „Zurückschauen oder gar Kontakt aufnehmen durfte man als Grenzsoldat nicht“ erinnert sich Karl Möller. Das Paar kommt aus Geisa (Rhön) an der einstigen Grenze von Thüringen und Hessen. Die Fahrradtour auf dem Mauerweg hat ein Ziel: „Ich will sehen, was noch von damals übrig ist“, sagt Karl Möller. Denn er war einst selbst als Grenzsoldat hier, „in der Nähe von Schönefeld, an der Grenze zu Rudow“. Grafik: BM Infografik

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