WP I Mein Leben

5 MEIN LEBEN ICH BIN EIN TEIL VON EUCH heute. Wenn ich morgens meine Woh- nung verlasse, dann begleitet mich die Ungewissheit, was an diesem Tag pas- siert, wie eine dunkle Wolke. Für die, die Alltagsrassismen nicht ausgesetzt sind, mag das übertrieben klingen. Aber es ist so. Denn ich habe es erfah- ren und ich erfahre es noch heute. Ich wollte Medizin studieren, aber mein Notenschnitt im Abitur von 1,7 reichte nicht ganz. Deswegen habe ich mich vorerst für eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin entschieden. Wenn ich ins Patienten- zimmer komme, dann gibt es Patien- ten, die eine Behandlung durch mich ablehnen. Andere machen große Au- gen und fragen mich als Erstes, woher ich so gut Deutsch kann oder woher ich komme? Ich bin Deutsche, in Sie- gen geboren und aufgewachsen, ich habe im Deutsch-Leistungskurs Kant und Goethe gelesen. Aber tatsächlich fühle ich mich oft heimatlos, weil ich dort, wo ich herkomme, als Exot wahr- genommen werde. Jemand, der das noch nie erfahren hat, ahnt nicht, wie sich das anfühlt. Nicht einmal meine Mutter kann das immer nachempfinden, ich habe in ihr keine Gesprächspartnerin, die weiß, wie tief einen ein solcher Angriff auf die eigene Identität trifft. Sexualisierter Rassismus: Degradiert zu etwas, das man auf einer Checkliste abhakt Mir ist völlig klar: Nicht immer ist das böse gemeint, aber es sind zu viele klei- ne Mückenstiche. Es gibt Patienten, die mir ungefragt ins Haar fassen als wäre ich ein Tier im Streichelzoo. Mei- ne Kindheit und Jugend lang habe ich immer gehört, dass ich die Schoko-So- phia sei, die Karamell-Sophia, man hat mich Latte Macchiato genannt oder was auch immer. Hinzu kommt ein se- xualisierter Rassismus, der mir seit ich elf oder zwölf bin oft begegnet ist: Ich werde zum Teil von Männern zu etwas degradiert, das man auf seiner Check- liste abhaken kann, wie ein Stück Fleisch, wie ein Objekt. Heute weiß ich viel besser, mit all dem umzugehen. Ich habe es lernen müs- sen. Vor den Jungs, die sich damals im Zug erst hörbar beratschlagten, wer mir an den „knackigen, schwarzen Po“ fasst, und vor dem, der es getan hat, würde ich heute nicht mehr wortlos flüchten, weil da die Grenze viel zu deutlich überschritten wird. Und die kleineren Grenzüberschreitungen? Fahre ich jedes Mal aus der Haut? Nein. Oft sehe ich einfach darüber hinweg, weil ich zu müde bin, die Dis- kussionen erneut zu führen. Von einer diversen Gesellschaft können wir profitieren Nicht falsch verstehen: Ich habe nicht aufgegeben. Ich weiß nur, dass ich die- se Form des Alltags-Rassismus gerade der älteren Generation nicht vorwerfen kann, weil sie es nicht anders gelernt hat. Ich kann diese Menschen nicht mehr ändern. Alle anderen können und sollten sich ändern, sollten ver- suchen zu lernen, worauf es ankommt. Wir sind eine diverse Gesellschaft. Wir können davon profitieren, wenn wir uns gerade beim Thema Alltags-Rassis- mus neu ausrichten, wenn wir dazuler- nen wollen, Interesse zeigen. Da ist so viel, das man ändern kann und muss. Für die Diskussion ist es wichtig, den Begriff des Rassismus aus dem rech- ten Spektrum zu lösen. Denn: Nur weil jemand etwas Rassistisches gesagt hat, ist er noch lange kein Rassist und schon gar kein Nazi. Aber dazu gehört auch, dass derjenige auf sich und seine Sprache achtet, dass ihm auffällt und er akzeptiert, etwas Rassistisches ge- sagt oder gedacht zu haben. Jeder Mensch wird rassistisch sozialisiert Wir alle sind rassistisch sozialisiert, übernehmen Denkweisen, Zuschrei- bungen und Termini oft unbewusst, ohne bislang dafür sensibilisiert wor- den zu sein. Auf diesen Weg müssen wir uns begeben. Der ist unangenehm, der muss unangenehm sein, denn die erste Reaktion ist Abwehr: Ich unter- liege rassistischen Denkmustern? Nein. Doch! Wenn diese Hürde ge- nommen ist, kann ein produktiver Dis- kurs folgen. Kein Mensch kommt als Rassist zur Welt. Das ist ein gelerntes Konstrukt von Schwarz und Weiß, von oben und unten. Ich glaube auch, dass uns im Deut- schen die Worte fehlen, um das The- ma Rassismus zu behandeln. Farbig, braun, schwarz, dunkelhäutig – darf ich das noch sagen, oder nicht? Das ist es doch, was viele sich fragen. Man muss eine Person nicht zwingend anhand ihrer Hautfarbe beschreiben. Es bieten sich andere Möglichkeiten. Ich bezeichne mich selbst als Schwarz, meine damit aber nicht die Farbe, son- dern eine gesellschaftspolitische Ebene. Es müssen neue Worte geschaffen werden, die es uns ermöglichen, kon- fliktfrei miteinander zu reden. Worte, die es im Englischen oft gibt: People of Colour zum Beispiel. Ich will, dass schon meine Kinder in einer Welt auf- wachsen, die sensibler ist, in der alle oder zumindest sehr, sehr viele Men- schen genau wissen, was sagbar ist und was nicht. Rassismus kann nur fortbestehen, wenn Menschen, die er betrifft, nicht zugehört wird, wenn sie nirgendwo zu sehen sind. Menschen zu sehen, die sind, wie ich, hätte mir damals geholfen: einen Lehrer, eine Ärztin, einen Erzieher. Heute bin ich 21 Jahre alt – und ich will nicht mehr weiß sein, ich will keine glatten Haare mehr haben. Ich habe mich akzeptiert, wie ich bin, und bin heute stolz darauf, weil ich weiß, dass ich nicht die bin, die falsch ist, die das Problem ist. Es ist im Zweifel die Gesellschaft, die das Problem mit mir hat.“ (aufgezeichnet von Daniel Berg)

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