WP I Mein Leben

7 MEIN LEBEN ICH BIN EIN TEIL VON EUCH Der Generation meines Vaters, aber auch allen anderen, zu erklären versu- chen, dass man Arbeit als etwas Stö- rendes empfindet, ist nicht leicht. Er hat mich immer machen lassen. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Aber er sagt auch heute noch, dass diese Arbeits- scheu wohl eine Krankheit sein müsse, die ich da mit mir herumschleppe. Er ist nicht der Einzige, der nicht ver- stehen kann, was ich da tue. Oft muss ich mich rechtfertigen, denn das The- ma Arbeit ist so unglaublich tief ver- ankert in unserer Gesellschaft. An ihr bemisst sich oft Ansehen und Respekt. Meine Schulfreunde sind Anwälte geworden, Ärzte, Architekten. Und ich bin Michael. Kein Titel, kein Ab- schluss. In der Dominikanischen Republik fing ich an, als Reiseleiter auf Bustouren zu arbeiten. Herumreisen, in tollen Res- taurants essen und den besten Hotels nächtigen. Was war das damals ein Leben…! Drei Jahre lang ging das so, ehe ich gefeuert wurde und auf einem Kreuzfahrtschiff anheuerte. In den fünf Jahren habe ich sechs Weltreisen ge- macht: Japan, Brasilien, Alaska, Nor- wegen, alles gesehen. Ich hatte eine eigene Kabine, wie die Gäste auch, das Essen war kostenfrei. Nur die Ge- tränke an der Bar musste ich bezahlen. Das war teuer genug. Statt sechs Wochen Urlaub nur sechs Wochen Arbeit im Jahr Ansonsten hatte ich kaum Ausgaben, genoss ein traumhaftes Leben, sparte viel. Zurück in Deutschland kaufte ich mir von dem Geld zwei Wohnungen, eine in München, eine in Iserlohn. Seit- dem lebe ich von den Mieteinnahmen – und zwar gut. Ich mache seit fünf Jahren nach Rücksprache mit dem Fi- nanzamt keine Steuererklärung mehr, da die Einnahmen gleichbleibend ge- nau unter dem Grundfreibetrag liegen. Andere haben sechs Wochen Urlaub im Jahr, ich arbeite nur sechs Wochen im Jahr als Reisebegleiter auf einem historischen Sonderzug, der schöne Ziele in Europa anfährt. Acht Jahre Arbeit unter traumhaften Bedingungen waren das damals. Kei- nen Tag wollte ich länger arbeiten. Ich bin faul, dazu stehe ich. Das provo- ziert manche und manchmal mag ich das. Denn was mich stört, ist, wenn mich Leute für einen Taugenichts hal- ten, nur weil ich keine Lust auf Arbeit habe. Ich fahre viel Bahn, oft auch auf der Strecke von Köln nach Frankfurt, wo die Männer mit ihren Hemden und Krawatten und Aktenkoffern verkeh- ren. Und ich mittendrin. Im T-Shirt. Und dann frage ich mich: Wer hat jetzt alles richtig gemacht? Junge Menschen sollten wissen: Es kann auch anders gehen Hinter meinem Rücken nennen mich die Menschen eine faule Sau, be- lächeln mich als Spinner. Niemand muss so handeln wie ich es getan habe. Aber ich finde wichtig, dass auch jun- ge Menschen wissen, dass es auch an- ders gehen kann. Natürlich, ich habe auch Glück gehabt: Der Wert meiner Wohnungen hat sich deutlich erhöht. Aber am Anfang stand die Erkenntnis, was mir guttut, und der Mut, danach zu handeln. Wenn die Menschen auf ihr Leben zurückblicken, dann sagen viele: Ich hätte gern mehr Zeit gehabt für Men- schen, die ich liebe, für die Dinge, die ich liebe. Mir soll es anders gehen. Ich mache das einfach jetzt. Und das immer schon. Das Leben muss man genießen, wenn man jung ist. Alles kommt zeitlich nur einmal. Man kann nichts wiederholen, nichts zurückdre- hen. Die meisten Menschen haben eine rie- sige Angst davor, eine Lücke im Lebens- lauf zu haben. Mein ganzer Lebenslauf ist eine einzige Lücke. Ich habe es vielleicht auch leichter als andere: Ich bin Junggeselle. Aber auch das war mir früh klar, dass ich das so wollen würde. Seit einigen Jahren bin ich zurück in Iserlohn, ich lebe bei meinem Vater im Haus. Ich kümmere mich um ihn. Die Zeit dafür habe ich ja.“ (aufgezeichnet von Daniel Berg) „AN DER ARBEIT BEMISST SICH IN UNSERER GESELLSCHAFT OFT ANSEHEN UND RESPEKT.“ MICHAEL KLAMMT

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